Seelensammler by Dützer Volker

Seelensammler by Dützer Volker

Autor:Dützer, Volker [Dützer, Volker]
Die sprache: deu
Format: epub
Herausgeber: dp DIGITAL PUBLISHERS
veröffentlicht: 2023-12-02T00:00:00+00:00


24

Albert von der Heyde kniff die Augen zusammen und drehte den Kopf zur Seite. Jedes Mal, wenn eine Injektionsnadel in seine Vene eindrang, hatte er das Gefühl, dass etwas Fremdes von seinem Körper Besitz ergriff. Beim Anblick spitzer, scharfer Gegenstände wie Messern, Nadeln und Rasierklingen zogen sich seine Eingeweide krampfartig zusammen.

Die Arzthelferin zog die Nadel aus seiner Armbeuge, klebte ein Pflaster auf die Einstichstelle und beschriftete die entnommene Blutprobe mit seinem Namen. Von der Heyde begann nervös an seinem Manschettenknopf herumzufummeln. Ärzte und Krankenhäuser waren ihm zuwider. Zahnarztbehandlungen ertrug er nur unter Hypnose, obwohl er fast noch größere Angst davor hatte, zeitweise die Kontrolle über sein Bewusstsein abgeben zu müssen. Beim Anblick der Bohrer und spitzen Kratzwerkzeuge wurde ihm übel. Außer dem behandelnden Zahnarzt wusste niemand von seiner Phobie, und das würde auch so bleiben. Ihm war klar, dass er seine Approbation verlieren würde, sollte etwas von der Schwäche seines Patienten nach außen dringen.

Von der Heyde spürte ein Stechen in seiner Armbeuge, als er sein Jackett überstreifte, und unterdrückte den Drang, die Arzthelferin zu verprügeln. Bedauerlicherweise war er gezwungen, gewisse gesellschaftliche Spielregeln einzuhalten. Die Blondine hatte ein hübsches Gesicht – nicht außergewöhnlich, aber mit interessanten Akzenten, die ihn erregten. Es waren immer die Details, auf die es ankam. Vielleicht würde er sie eines Tages durchficken und danach dafür bestrafen, dass sie Nadeln in ihn hineingestochen hatte.

„Professor Liebig wird gleich bei Ihnen sein“, sagte sie lächelnd.

Zwanzig Minuten später betrat der Professor das Behandlungszimmer. Wie immer strahlte er Ruhe und Kompetenz aus, was von der Heyde angesichts der astronomischen Honorare, die er ihm bezahlte, auch erwartete. Außer dem verschwiegenen Zahnklempner war Liebig der einzige Arzt, den er in seiner Nähe duldete. Widerwillig verzieh er ihm die quälend lange Wartezeit. Er wusste, dass der Professor sich inzwischen um eine rasche Untersuchung seines Blutes gekümmert hatte und daher jetzt schon Ergebnisse vorweisen konnte. Das war einer der Vorteile, wenn man über ausreichende finanzielle Mittel verfügte.

„Sie sehen blass aus, mein Lieber“, begrüßte der Professor ihn. Er stellte eine Tasse Kaffee auf seinen Schreibtisch und pfiff leise eine Melodie.

Von der Heyde warf rasch einen Blick auf sein geisterhaftes Abbild, das sich in der Glasscheibe des Arzneischranks spiegelte. Sein Gesicht sah tatsächlich teigig und grau aus. Aber wahrscheinlich rührte das nur von dem grellen Kunstlicht der Neonröhre her. Mehrmals am Tag überprüfte er sein Äußeres auf Anzeichen einer Erkrankung, und die unnatürliche Blässe wäre ihm sicher aufgefallen. Unruhe breitete sich in seinen Eingeweiden aus.

„Haben Sie die Resultate der Tests?“, fragte er ungeduldig.

„Die meisten, ja.“

Liebig betrachtete ihn mit dem kritischen Blick des Mediziners, was in von der Heyde das Gefühl hervorrief, lebendig seziert zu werden.

„Wie fühlen Sie sich?“, fragte der Professor.

„Müde, erschöpft, gereizt.“

„Seit wann?“

„Seit etwa fünf Tagen.“

Liebig kam um den Tisch herum auf ihn zu und tastete den Hals seines schwierigen Patienten ab. Von der Heyde wusste, dass er nach Veränderungen und Schwellungen in den Lymphknoten suchte. Das konnte alles Mögliche bedeuten, von einer harmlosen Entzündung bis hin zu Krebs. Schnell verdrängte er das verbotene Wort.

„Schwitzen Sie nachts?



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